Bezirk Mödling

Otto Pferschy: „Für mich ist der Heurige ein Hobby und keine Arbeit“

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Gäste des Heurigen Pferschy-Seper kennen und lieben ihn als charmanten Gastgeber. Der mittlerweile 84-jährige Otto Pferschy hat aber auch als Mann der Wirtschaft seine Spuren hinterlassen und wird nicht müde, sich für die Menschen im Bezirk Mödling einzusetzen. Im Interview mit bezirkmoedling.at erinnert sich der gebürtige Burgenländer an russische Besatzungssoldaten in der HTL Mödling und verrät seine Zukunftspläne.
Lieber Otto, herzlichen Dank für deine Zeit! Trotz deines schönen Alters bist du, wie wir wissen, immer noch sehr aktiv und viel beschäftigt.
Ja, und das bin ich sicher bis ins kommende Jahr hinein. Mein Kalender ist komplett voll.
Darf ich dich fragen, warum du überhaupt noch arbeitest? Du könntest doch seit gut 20 Jahren deine Pension genießen…
Weil ich als Burgenländer nicht weiß, wo die Stopptaste ist. Aber 2021 gehe ich wirklich in Pension! (lacht)
Was beschäftigt dich zurzeit am meisten?
Es gibt hier im Bezirk diese Schutzhäuser, die Krauste Linde und das Anningerhaus. Zur Erhaltung haben wir (Verein Naturfreunde 1877) ein Konzept erarbeitet: Sechs Gemeinden, nämlich Gaaden, Hinterbrühl, Mödling, Wiener Neudorf, Gumpoldskirchen und Guntramsdorf, bezahlen für fünf Jahre pro Bürger einen Euro.

 

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Und dann gibt es noch die Kaiser-Jubiläumswarte. Die Kaiser-Jubiläumswarte ist 120 Jahre alt und mittlerweile so rostig, dass wir sie abreißen und neu aufbauen müssen. Hier sind wir, die Naturfreunde 1877 gerae dabei ein Konzept und einen Finanzierungsplan zu erarbetien. Ich werde nächstes Jahr 85, da würde ich mir wünschen dass sie wieder steht und ich in Pension gehen kann.
Du lebst schon sehr lange im Bezirk Mödling, hast hier sehr viel bewegt, unter anderem in deinen 50 Jahren im Lions Club. Aber ursprünglich bist du, wie du erwähnt hast, Burgenländer. Wie bist du ursprünglich zu uns in den Bezirk gekommen?
Ich bin mit 15 Jahren nach Mödling gekommen, weil die HTL schon damals eine der größten Schulen war. Nachdem es im Burgenland keine Industrie gibt, wollte ich nach der Matura ursprünglich nach Holland gehen. Daraus ist aber nichts geworden und stattdessen habe ich 1955 bei der Firma Eumig zu arbeiten begonnen. Dort war ich 27 Jahre lang, dann ist die Firma zu Grunde gegangen. Es ist uns 1981 aber gelungen, eine Auffanggesellschaft zu gründen und 3.000 der 7.000 Stellen zu retten.
Wie hat sich das Leben im Bezirk aus deiner Sicht seit den 1950er-Jahren verändert?
Das ist ein spannendes Kapitel. Mödling ist eine herrliche Stadt und expandiert, vor allem am Wohnungssektor. Sie hat aber nach wie vor nicht viel Platz für Industrie – und trotzdem ist der Bezirk Mödling jener mit dem höchsten Steuer-Einkommen Österreichs. Ich bin in Lackenbach im Burgenland in die Hauptschule gegangen und 1950 nach Mödling gekommen – und da waren die russischen Besatzer noch hier und im Hauptgebäude der HTL einquartiert. Wir, die Schüler, waren dafür auf zehn Stellen in Mödling aufgeteilt; zum Essen hat es für uns fünf Jahre lang Eintopf aus einem Blechnapf gegeben.
Das heißt, hier hat sich schon sehr viel Gutes getan…
Mödling gehört heute zum Speckgürtel von Wien, sehr viele Menschen wollen hier wohnen. Weil es so herrlich ist! Deshalb unterstütze ich auch diese Schutzhäuser: Ich bin der Meinung, dass die Bedeutung von Erholungsgebieten rund um Wien in diesen schwierigen Zeiten deutlich wachsen wird. Im Großen und Ganzen ist die Entwicklung sehr positiv – doch wie es jetzt weitergeht, wird man erst sehen…
Die wirtschaftliche Entwicklung rund um Corona macht vor dem Bezirk Mödling nicht Halt.
Ich habe das Gefühl, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen in den ersten beiden Quartalen 2021 voll ausbrechen werden. Wir merken jetzt schon, dass der Wein-Absatz darunter leidet, wenn in Wien die Kongresse fehlen und deshalb die Hotels nur zu 20 Prozent ausgelastet sind.
Du warst Zeit deines Lebens sehr engagiert. Was hat dich so an den Menschen fasziniert, dass du dich immer wieder für sie eingesetzt hast?
Ich bin ein 36er-Jahrgang, ich habe das Kriegsende hautnah miterlebt. Da mein Vater lange in Kriegsgefangenschaft war, durfte ich bei einer Tante aufwachsen, die gemeinsam mit ihrem Mann ein kleines Lebensmittelgeschäft gehabt hat. Dieser Onkel hat mich insofern stark geprägt, als er mir beigebracht hat, dass man die Menschen immer verwöhnen muss, zum Beispiel die Frauen mit Stollwerk. Und dass man Netzwerke aufbauen muss! Durch den Heurigen konnte ich das forcieren. Wenn du Netzwerke hast, egal, ob in der Wirtschaft oder der Politik, kannst du Menschen helfen. Darum ist es mir immer gegangen.
 

Weil du den Heurigen ansprichst, den Heurigen Pferschy-Seper in Mödling – jeder kennt dich dort, aber du hast offiziell eigentlich keine Funktion…
Dieser Heurigenbetrieb ist 300 Jahre alt und wird seit gut 100 Jahren zu 100 Prozent von Frauen geführt. Der Großvater meiner Frau ist im 1. Weltkrieg gefallen, ihr Vater im 2. Weltkrieg. Meine Frau hat einen Bruder und der hätte den Betrieb übernehmen sollen, wollte aber Lehrer werden. Wie auch meine Frau. Sie hat später ihren Job aufgegeben, um den Betrieb zu übernehmen. Ihre Großmutter war damals übrigens gegen unsere Beziehung.
Warum das?
Die Buchgrabers besitzen ihr Weingut seit 1718 in Mödling. Und dann kommt ein Burgenländer daher und will ihr Enkerl heiraten – das muss man sich vorstellen! Sie hat erklärt, die Margarete muss entweder einen Baumeister heiraten oder einen Weinhauer, den sie, die Großmutter, aussucht. Aber ihr Plan hat nicht funktioniert…
Mittlerweile hat im Heurigen schon die nächste Generation das Sagen.
Wir hatten das Glück, dass unsere Tochter Birgit schon mit 17 Jahren gesagt hat, sie will den Betrieb übernehmen. Und sie hat mittlerweile selbst drei Töchter…
Das heißt, die Tradition, dass Frauen den Heurigen leiten, dürfte weitergehen?
Schau‘, es war nicht immer einfach und manchmal sind wir belächelt worden. Aber in den vergangenen Jahren hat sich sehr viel verändert. Machen wir uns nichts vor, es gibt schon so viele Betriebe, die von Frauen geführt werden. Man soll Frauen auf gar keinen Fall unterschätzen! Sie sind wesentlich konsequenter als Männer und wenn sie einen Plan haben, dann ziehen sie den auch durch.
Auf der Homepage des Heurigen wird als deine Aufgabe „Charmeoffensive & Kommunikator“ angeführt. War das für dich als Manager, als Mann der Wirtschaft, nicht schwer, dass du im Betrieb nicht federführend mitwirken durftest?
In so einem Betrieb muss eine Linie drin sein. Und dadurch, dass ich früher ja praktisch nie daheim war, war das richtig so. Ich habe gut verdient, ich habe mitgeholfen und die Familie hat zusammengehalten. Wir haben das miteinander aufgebaut. Das Wichtigste ist, dass die Arbeit miteinander erfolgt und nicht gegeneinander. Das ist mein wichtigster Grundsatz.

Du bist bei den Gästen des Heurigen sehr beliebt – wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb, weil Du dich in der Rolle des Gastgebers sehr wohl fühlst.
Für mich ist der Heurige ein Ausgleich und ein Hobby. Für mich ist das keine Arbeit. Ich mache es einfach gern und bin davon überzeugt, dass es für mich sogar eine Art Therapie ist. Wir haben zwar Zeit unseres Lebens sehr wenig Urlaub gehabt, aber das ist egal. Wenn man etwas macht, dann soll man es anständig machen und dahinterstehen.
Wie viele Stunden hast du früher so im Schnitt pro Woche gearbeitet?
Frag‘ mich nicht! Ich bin oft um eins in der Früh schlafen gegangen und war um fünf Uhr wieder aktiv. Ich bin übrigens auch heute schon wieder seit fünf in der Früh im Einsatz. Aber mittlerweile gönne ich mir, wenn es passt, am Wochenende ein Mittagsschlaferl.

Wie hat sich die Qualität der Weine in den vergangenen Jahren verändert?
Da hat sich wahnsinnig viel getan. Es hat nicht nur der Glykol-Skandal eine große Rolle gespielt, der war wirklich eine Schweinerei (Anm.: 1985 wurde bekannt, dass Wein in Österreich von vielen Winzern unerlaubterweise mit Diethylenglykol, einem Frostschutzmittel, gepantscht und damit süßer gemacht wurde). Heute haben wir die strengsten Gesetze – aber, was noch wesentlicher ist: Die Generation unserer Kinder hat ein ganz anderes Qualitätsbewusstsein! Und man merkt den Erfolg: Es gibt meiner Meinung nach in Österreich keinen schlechten Wein mehr. Ich bin auch sehr stolz auf meine Tochter: Im Jahrgang 2019 haben zehn Weißweine und fünf Rotweine gemacht – und wir haben immerhin neun goldene Auszeichnungen bekommen.
Was ist dein persönlicher Lieblingswein?
Der Weißburgunder. Früher gab es ja im Prinzip keine Weinsorten. Meine Schwiegermutter war einer der Ersten, die vor mittlerweile 49 Jahren in Mödling mit dem Weißburgunder begonnen hat. Er ist nicht so resch wie ein Riesling oder ein Veltliner. Er ist, wie wir sagen, in der Mitte drinnen. Wenn sich jemand nicht so gut auskennt oder nicht weiß, was er trinken will, dann passt der Weißburgunder eigentlich immer.

Hast du Zeit, andere Lokale im Bezirk auch noch zu besuchen? Und wenn ja, welche würdest du uns empfehlen?
Obwohl ich gebürtiger Burgenländer bin und eigentlich Techniker war, war ich zehn Jahre lang Weinbauobmann von Mödling, das war lustig. Ich habe natürlich überall herumkosten müssen. Und ich bin auch heute noch sehr viel unterwegs. Es gibt in Mödling ja eine sehr große Auswahl an Lokalen in allen Preisklassen. Leider sind es viel weniger Heurigen als früher. Es gab einmal 60 Heurige alleine in der Stadt Mödling, heute sind es nur noch fünf. Aber im Bezirk gibt es noch jede Menge Heurige – aber ich möchte keine hervorheben. Wir beliefern ja auch einige dieser Betriebe…

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Weil du vorhin die Schutzhütten erwähnt hast: Verbringst du selbst eigentlich gerne Zeit in der freien Natur, an der frischen Luft?
Zum Spazierengehen habe ich keine Zeit. Aber ich bin viel an der frischen Luft, weil die Hütten ja alle oben am Berg sind. Früher war ich auch viel in den Weingärten unterwegs, das geht sich heute nicht mehr aus.
Du bist vor vier Jahren, zu deinem 80er, mit dem Ehrenring der Stadt Mödling ausgezeichnet worden…
Ja, ich habe viele Ehrungen bekommen, vom Land Niederösterreich, von der Kirche. Aber weißt du: Der Ring ist so groß, den kann ich gar nicht tragen. Anerkennung ist natürlich immer schön. Ich mache meine Arbeit aber auch, wenn ich dafür keine Auszeichnung bekomme.
Zur Person:
Ing. Otto Pferschy, Jahrgang 1936, ist gelernter Feinwerktechniker und war Geschäftsführer mehrerer Industrie-Betriebe. Der gebürtige Burgenländer war Zeit seines Lebens sozial sehr stark engagiert, unter anderem als Präsident des Mödlinger Lions Clubs. Seine Frau Margarete, geborene Buchgraber, ist Erbin eines Weinbaubetriebs, der 1718 gegründet wurde und heute einer der ältesten im Bezirk Mödling ist. Seit 2004 wird der Heurigen in der
Friedrich-Schiller-Straße 6 in Mödling von Tochter Birgit geleitet, sie ist bereits die vierte Generation von Frauen, die den Familienbetrieb leitet.
Zum Heurigen Pferschy-Seper
Fotos: Adrian Almasan
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