Gunnar Prokop: „Probieren wir das mit dem Handball aus…“

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Gunnar Prokop, 80, war maßgeblich an der Errichtung des Bundessportzentrums Südstadt beteiligt und formte mit HYPO Niederösterreich eine der erfolgreichsten Handball-Mannschaften aller Zeiten. Im Gespräch mit Bezirk Mödling erinnert sich der immer noch topfitte Manager an eine Zeit, als die Südstadt nicht viel mehr war als eine Ansammlung von Schottergruben, warum ihn ausgerechnet in einer vollkommen verrauchten Halle in Aserbeidschan jener Ehrgeiz gepackt hat, der ihn zum Trainer des Jahrhunderts werden ließ – und was den Bezirk Mödling für ihn bis heute so lebenswert macht.

Gunnar, du kommst ursprünglich aus St. Pölten, lebst aber seit 1965 im Bezirk Mödling, genauer gesagt in der Südstadt in Maria Enzersdorf. Wie hat die Gegend denn im Vergleich zu heute ausgesehen?

Damals hat es hier in dieser Gegend einen Teich neben dem anderen gegeben, das waren Schotterteiche für den Autobahnbau. Wirklich, ein Teich neben dem anderen! Im Lauf der Jahre sind sie zugeschüttet worden. Da, wo heute der Lutz und all die anderen Geschäfte stehen, war damals nichts. Null! Gar nichts! Das kann man sich heute ja alles überhaupt nicht mehr vorstellen.

Was hat dich damals überhaupt in die Südstadt geführt?

Ich bin in St. Pölten aufgewachsen und war bei der Union aktiver Turner, später habe ich während meines Studiums die Leichtathletik-Sektion übernommen. Damals haben dort schon die Liese (Anm.: seine – 2006 verstorbene – Frau), die Maria (Sykora, Schwester seiner Frau und Tante des Skifahrers Thomas Sykora) und die Eva (Janko, Mutter des späteren Teamkickers Marc Janko) trainiert. Während des Studiums habe ich den Fußballer Ernst Kaltenbrunner kennengelernt, der bei der Admira gespielt hat. Er hat mir vorgeschlagen, mir hier mit meinen Leichtathleten einmal alles anzuschauen. Also bin ich vorstellig geworden ­– und kurz darauf bin ich mit der gesamten Leichtathletik-Sektion der Union St. Pölten in die Südstadt übersiedelt.

Das war 1965?

Genau, im Jahr nach den Olympischen Spielen in Tokyo. Und ich bin Betriebs-Sportlehrer bei der NEWAG NIOGAS geworden (Vorgänger der EVN) in der Südstadt geworden. Auf die Olympischen Spiele 1968, wo Liese die Silbermedaille gewonnen hat, haben wir uns schon hier vorbereitet.

Hat es das Bundessportzentrum in der Südstadt damals schon gegeben?

Nein. Die NEWAG NIOGAS hat ursprünglich vorgehabt, ein Betriebssportzentrum zu bauen. Dann gab es einen politischen Skandal und die Pläne sind in die Hosen gegangen. Ich habe aber den Auftrag bekommen, mit dem Ministerium zu verhandeln, ob sie das nicht finanzieren möchten: Sie bekommen dafür das ganze Areal geschenkt, müssten aber ein Sportzentrum bauen, ähnlich der Idee vom Betriebssportzentrum. Da war vom Admira-Stadion mit Ausnahme der Böschung nichts vorhanden. Wir sind dort spazieren gegangen und ich habe die Leute vom Ministerium überreden können. Sie haben zugesagt, aber dann gab es Finanzprobleme. Die Liese, meine Frau, war schon im Landtag und hat mit Landeshauptmann Maurer vereinbart, dass das Land Niederösterreich den Bau mit 100 Millionen Schilling vorfinanziert und das Recht zur Vorbelegung durch eine Landessportschule bekommt. Das muss gegen 1970 gewesen sein. Das erste, was gebaut worden ist, war natürlich die Leichtathletik-Anlage (lacht).

Aber von Handball war damals noch keine Rede?

Wir sind in der Leichtathletik immer stärker geworden und haben einen Sponsor aufgestellt, das war die Raiffeisen. Wir haben LAC Raiffeisen Energie geheißen. Das Konditionstraining haben wir im Turnsaal von Volksschule in der Südstadt absolviert und zum Aufwärmen vor dem Zirkeltraining haben wir etwas gespielt, das Basketball hätte sein sollen. Ich habe, naja, „Raufball“ dazu gesagt: Sie sollten den Ball halt irgendwie da oben hinein hauen. Liese und Maria kommen ursprünglich aus Tulln und haben dort im Gymnasium Handball gespielt. So haben wir irgendwann gesagt: Probieren wir lieber das mit dem Handball aus…

Das war also der Grundstein für einzigartige Erfolge im europäischen Damen-Handball…

Unser Klubmanager war damals Dr. Karlheinz Oertel, er war der Werbechef von Raiffeisen und hat früher selbst Großfeld-Handball gespielt. Der hat das für eine super Idee gehalten und bei einem Training hinunter geschrien: „Christian, kumm auffa! Du wohnst am Gießhübl, du machst ab jetzt den Sektionsleiter Handball.“ Dieser Christian war der Christian Konrad, der spätere Chef der Raiffeisen. Und so haben wir 1972 innerhalb des Leichtathletik-Vereins einen Handball-Klub gegründet.

Nach dem schweren Unfall von Niki Lauda 1976 hat die Raiffeisen aber ihr Sportsponsoring zurückgezogen. Herr Oertel hat uns zur Hypo gebracht – und ich habe die Idee gehabt, dass wir uns nicht einfach sponsern lassen, sondern den Sponsor in den Klubnamen integrieren. Seither heißen wir Hypo, zuerst Hypo Südstadt und später Hypo NOE.

Du hast als Manager später achtmal die Champions League gewonnen – ab wann war für dich absehbar, dass du von der Südstadt aus so erfolgreich werden kannst?

1976 durften wir zum ersten Mal im Cup der Cupsieger spielen. Gegen Spartak Baku, das erste Spiel war in Baku in der damaligen Sowjetunion. Heute ist das die Hauptstadt von Aserbaidschan. Da waren 5000 Leute in der Halle und du hast kaum von einem Tor zum anderen gesehen, weil jeder von den 5000 Leuten geraucht hat. Aber mich die Atmosphäre so fasziniert, dass ich mir gedacht habe: So einen Bewerb würde ich gerne einmal gewinnen.

Im Retourspiel haben wir in der Südstadt zwei polnische Schiedsrichter gehabt und mit denen bin ich nach dem Spiel noch zusammengesessen. Sie haben gesagt: Wenn du international etwas erreichen willst, brauchst du internationale Spielerinnen. Sie haben mir zwei polnische Spielerinnen vermittelt, eine von ihnen lebt immer noch in Österreich und ist mit dem Steffen Kriechbaum, dem ehemaligen Schwimmer, verheiratet.

Wie sind die Spiele gegen Baku ausgegangen?

Wir haben zweimal hoch verloren. Wobei: So hoch war es gar nicht. Ich habe den Trainer von Baku, wie soll ich sagen? Ich habe ihn überredet. Ich habe ihm vor dem Spiel ein bisserl was gegeben, damit wir nicht so hoch verlieren. Ich weiß gar nicht mehr, wir haben mit 5, 6, vielleicht 7 Toren unterschied verloren. Aber in den österreichischen Medien ist gestanden, dass dieses Ergebnis eine Sensation war!

Du bist vom Europäischen Handballverband zum „Trainer des Jahrhunderts“ gewählt worden – aus dem Nichts heraus, oder? Du hast keine formale Ausbildung?

Nein, ich habe mir mein Wissen genauso wie zuvor in der Leichtathletik selbst angeeignet.  Wir hatten das Glück, dass die Leichtathletinnen es schon gewohnt waren, dass wir zweimal pro Tag trainieren, manchmal sogar dreimal. So sind wir auch im Handball schnell gut geworden. Es hat ja damals nicht einmal eine Männermannschaft in Ö gegeben, die zweimal am Tag trainiert hat. Wir waren zwischendurch so stark, dass wir gegen die besten Nationalteams der Welt gewonnen haben. Wir haben die UdSSR geschlagen, wir haben Dänemark geschlagen, Deutschland war für uns, als Verein, überhaupt keine Konkurrenz.

Wie groß war tatsächlich dein Anteil an dieser Entwicklung?

Naja, ohne mich wäre das nicht gegangen. Maria und ich waren die Seele des Vereins. Sie arbeiten heute bei Hypo nicht schlecht, das kann man nicht sagen. Aber die Seele ist weg.

Gehst du heute noch manchmal hinüber, um dir Spiele anzusehen?

Nein. Nein. Ich habe mit dem Thema abgeschlossen.

Du hast vergangenen Juli deinen 80. Geburtstag gefeiert. Wie geht es gesundheitlich?

Ich bin fit, ich fühle mich gut. 2017 habe ich beim Skifahren einen depperten Unfall gehabt und mir beide Beine gebrochen. Sie haben nach der OP zehn Tage gekämpft, damit sie mir das eine Bein nicht abnehmen müssen. Das war eine schwere Zeit, auch mental, ich bin vier Monate im Rollstuhl gesessen. In der Nacht habe ich mit meiner verstorbenen Frau gesprochen und ihr versprochen: Wenn ich den Haxen nicht verliere, fahre ich noch einmal mit dem Radl auf den Großglockner – und im Herbst bin ich wirklich noch einmal gefahren.

Das war übrigens mein 26. Mal am Glockner

Man sieht dich heute immer noch sehr viel auf dem Rad…

Wenn ich alleine bin und nicht viel Zeit habe, fahre ich schnell auf den Anninger hinauf. Da bin ich in eineinhalb Stunden wieder zu Hause. Und mit meinen Freunden wie dem Steffen Kriechbaum drehe ich größere Runden mit dem Rennrad, zum Beispiel nach Eisenstadt hinunter. Oder auf einen Kaffee nach Ungarn und wieder retour.

Gehst du auch wandern?

Skitouren gehe ich. Früher war ich viel wandern, aber das geht mit meinem Knie nicht mehr, rennen kann ich auch nicht mehr. Ich habe es vor dem Lockdown noch ein paar Mal im Fitnesscenter am Laufband probiert, aber da glaube ich, es zerreißt mir das Knie. Immerhin, Skifahren kann ich noch. Mein Schwager Ernst, der Vater vom Thomas Sykora, hat eine Wohnung in Salzburg. Beim ersten Schnee sind wir draußen und zu Ostern kommen wir wieder heim. Normalerweise komme ich auf meine 45 Skitage pro Jahr.

Erzähl noch ein bisschen über dein Leben im Bezirk Mödling: Wo gehst du hin, wenn du einmal ein Achterl trinken möchtest? Hast du Lieblingslokale im Bezirk?

In Mödling gehe ich am liebsten zum Pferschy. Und ich bin gerne in Gumpoldskirchen bei den Heurigen … vor allem, weil mein Arzt, der Dr. Wieland, der seine Ordination in Mödling hat, dort wohnt. Und ich bin öfters bei verschiedenen Nigls in Perchtoldsdorf.

Und wo gehst du Essen?

Ich gehe gerne ins „Pasta“ in Mödling, der Besitzer ist auch so ein narrischer Radlfahrer wie ich. Oft bin ich auch im „Akropolis“, dem Griechen in Mödling.

Was macht das Leben im Bezirk Mödling für dich so lebenswert?

Als Radfahrer sage ich: Die Möglichkeiten sind einzigartig! Selbst Menschen, die berufstätig sind, können am Abend noch richtig schöne Mountainbike-Touren unternehmen. Es ist einfach eine traumhafte Gegend für Sportler. Und dazu die ganzen Heurigen! Wo hast du denn so viele, so gute Lokale auf einem Fleck?

Wenn du bist immer noch so unglaublich fit und aktiv bist: Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Mit 100 möchte ich zum Golfspielen anfangen (lacht).

© Mila Zytka

Zur Person:

Gunnar Prokop, Jahrgang 1940, führte die Handballerinnen von HYPO Niederösterreich als Manager zwischen 1989 und 2000 zu acht Triumphen in der Champions League. In seiner Amtszeit gewann der Klub aus der Südstadt von 1977 bis 2010 34 Mal in Serie die Österreichische Meisterschaft und dazu (seit der Gründung im Jahr 1988) 23 Mal hintereinander und ungeschlagen den Österreichischen Cup.

Ehefrau Liese Prokop, geborene Sykora, gewann 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexico City die Silbermedaille im Fünfkampf, stellte 1969 einen Weltrekord auf, wurde Europameisterin und Österreichs Sportlerin des Jahres. Als Politikerin war sie lange Jahre Landesrätin und später Landeshaupt-Stellvertreterin, 2004 wurde sie als Innenministerin angelobt.

Die Mutter dreier Kinder starb am 31. Dezember 2006, nach ihr ist heute das von Gunnar Prokop in der Südstadt gegründete Sportinternat, die Liese-Prokop-Privatschule für Hochleistungssportler, benannt.
Der fünffache Großvater lebt in Maria Enzersdorf und am Annaberg.

Vom Europäischen Handballverband EHF wurde Gunnar Prokop zum Coach of the Century gekürt.

Fotos: Archiv Gunnar Prokop

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