Bürgermeister Hintner im Interview zum Attentäter aus Mödling

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing
Share on email

Wir haben den Mödlinger Bürgermeister Hans Stefan Hintner gefragt, wie es um die Bedrohungslage durch mögliche Terrorangriffe in Mödling steht und wie weit Journalismus in Echtzeit gehen kann.

Der Attentäter von Wien wurde in Mödling geboren. Haben Sie Kenntnis von weiteren Beziehungen zur Bezirkshauptstadt? Wissen Sie, ob er Freunde und Familie im Bezirk hat?
Unseren Recherchen zufolge wurde er im Jahr 2000 im Krankenhaus Mödling geboren und hat mit seinen Eltern einige Jahre in Mödling gelebt. Ob seine Eltern noch hier leben, haben wir nicht weiter nachverfolgt. Für mich ist glaubhaft, was sein damaliger Anwalt gesagt hat, nämlich dass insbesondere seine Mutter verzweifelt war. Ich habe den Eindruck, dass die Mutter eine rechtschaffende Person war, zum Vater liegen keine näheren Informationen vor. Aber was die Mutter durchmachen muss, wenn ihr Sohn solch einen Weg geht, möchte ich mir nicht vorstellen. Die psychische Belastung zu wissen, dass der eigene Sohn mehrfach auf Leute geschossen und getötet hat, muss unerträglich sein.

(Zwischenzeitlich wurde mittels einer PK vom BMI am 04.11. / 15:43 Uhr erwähnt, dass er bereits die Volksschule in Wien besucht hat und bis zuletzt mit seinen Eltern gemeinsam in Wien gewohnt haben soll.)

Was können Sie, zwei Tage nach dem Anschlag in Wien, über die Bedrohungslage in Mödling sagen? Gibt es hier ein Gefahrenpotenzial?
Aus der Sicht der Stadtgemeinde Mödling gibt es derzeit keine Probleme, über die ich als Bürgermeister beziehungsweise wir als Stadtgemeinde informiert wurden. Wir haben zwar in ganz Österreich sogenannte Schläfer, also Menschen die als potenzielle Terroristen eingestuft sind. die Polizei arbeitet hier aber großartig und recherchiert laufend.
Der letzte Ort, der in Mödling unter Beobachtung stand, war vor rund 15 Jahren das Liese Prokop-Integrationshaus in der Jägerhausgasse, wo vermehrt anerkannte Asylanten untergebracht waren.

Zur damaligen Zeit waren dort viele tschetschenische Flüchtlinge untergebracht und es wurde vermehrt Neigung zur Brutalität und Aggressivität beobachtet.
Ich habe heute aber etwas sehr Gescheites auf Puls4 von einem Redakteur gehört, der Mödling kennt: „Was ist in diesen jungen Mann gefahren? Es gibt kaum einen besseren Platz in Österreich, um an Bildung heranzukommen als in der Schulstadt Mödling.“ Und damit hat er vollkommen recht. Tausende wollen nach Mödling ziehen, weil wir hier auch abseits der Bildung mit unserem Kultur-, Sport- und Freizeitangebot viel bieten. Mödling ist definitiv ein Glückstreffer für eine Familie, die aus ihrer Heimat flüchten musste, um sich ein neues Leben aufzubauen.

Es gab im Zuge der Ermittlungen österreichweit Hausdurchsuchungen und Festnahmen. Können Sie uns etwas über die Gerüchte erzählen, dass es auch im Bezirk Hausdurchsuchungen gab? Wissen Sie, warum am Tag nach dem Anschlag ein Polizeihubschrauber über dem Bezirk Mödling gekreist ist?
Das kann ich nicht bestätigen. Ich muss aber auch dazu sagen: Wenn es keine gröberen Beobachtungen im Umfeld gibt, werden weder ich als Bürgermeister noch andere Politiker über die Maßnahmen der Polizei in Kenntnis gesetzt.

Waren Einsatzkräfte der Mödlinger Polizei in Wien im Einsatz? Gibt es einen Krisenplan, in dem von Wien aus Hilfe aus den benachbarten Bezirken angefordert werden kann?
Auch das kann ich nicht bestätigen. In der Vergangenheit war es aber so, dass immer wieder Einsatzkräfte aus den umliegenden Bezirken rund um Wien zur Verstärkung angefordert wurden, zum Beispiel bei Fußballspielen. Ich weiß aber, dass Einsatzkräfte des Roten Kreuz aus Mödling und Brunn am Gebirge nach Wien alarmiert wurden.
Einen Krisenplan für einen terroristischen Anschlag auf Menschen gibt es nicht, da man solche Eventualitäten nicht fassen kann. Es gibt aber Katastrophenpläne, die auch auf terroristische Aktionen im Bereich kritischer Infrastruktur abgestimmt sind.

Sie stehen derzeit wegen eines Kommentars auf der Facebook-Seite eines stark kritisierten Boulevardmediums im Kreuzfeuer. Es geht um Ihre Ansicht bezüglich der Ausstrahlung des Videos aus der Seitenstettengasse, wo die Hinrichtung eines Opfers des Wiener Terroranschlags mehrmals unverpixelt gezeigt wurde.

Screenshot von Kommentar auf Facebook

Hier entsteht vorab schon die Grundsatzfrage, ob Geschehnisse, die der Wahrheit entsprechen, zumutbar fürs Publikum sind. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass diese Dinge zumutbar sind. Es kommt hier aber ganz speziell auf den Augenblick an und wie die Redaktion grundsätzlich entscheidet. Das sind auch Dinge, die der Redaktion vorbehalten werden müssen. Wäre ich Chefredakteur gewesen, hätte ich das Video auch gezeigt, aber das Opfer verpixelt.

Konkret wurde ihr Vergleich zwischen einem Horrorfilm und einer öffentlichen Hinrichtung durch einen Terroristen stark kritisiert. Gefragt wurde auch, wie Sie damit umgehen würden, wenn das Opfer einer ihrer Angehörigen gewesen wäre.
Es geht um die Frage des Bildes, das sich manifestiert. In dem Moment, in dem es passiert, ist es keine Inszenierung. Innerhalb eines Tages hat man erfahren, wer der Terrorist ist. Man hat erfahren, dass er bei uns in Mödling geboren und aufgewachsen ist. Es würde sich also in keiner Art und Weise verheimlichen lassen, wenn ich oder einer meiner Angehörigen Opfer eines terroristischen Aktes geworden wären und es wäre zufällig eine Kamera dabei.
Das ist aber eigentlich der nächste Punkt: Meines Wissens waren das weder Aufnahmen von Fernsehteams noch private Handyaufnahmen, sondern angeblich von den Kameras, die auf der Synagoge in der Seitenstettengasse angebracht waren.

Wie kommen Videoaufnahmen der Überwachungskamera, die die Gasse bewachen sollen, ins Internet beziehungsweise zu den Fernsehstationen?
Um die Frage konkret zu beantworten: Wenn jemand aus meiner Familie dem Verbrechen zum Opfer gefallen wäre, dann ist es für mich keine Frage mehr von Recht oder Unrecht. Es wäre ein Faktum und ein Verbrechen, mit dem wir uns als Familie befassen würde.  Würde so eine Darstellung der Abschreckung dienen, dann wäre es so. Prinzipiell geht es aber darum – und das wurde in der gesamten Diskussion zurückgedrängt: Wie geht man mit Bildern solcher Vorkommnisse um? Sollen sie gezeigt werden oder nicht?
Es ist halt leider gerade in den sozialen Medien so, dass jeder seine geistigen Ergüsse loslassen kann. Soll so sein Aber in einer Demokratie müssen die sogenannten Toleranten und Andersdenkenden auch akzeptieren, dass es Menschen mit einer anderen Sicht der Dinge gibt.

Wie weit kann und darf Journalismus in Echtzeit gehen? Vor allem in Anbetracht dessen, dass die Polizei aufgerufen hat, keine Videos ins Netz zu stellen und dann diverse Fernsehsender diese dann doch in Dauerschleife zeigten.
Klar, wenn man sieht, wie schnell Fake-News unrecherchiert weitergegeben werden, handelt es sich um ein generelles journalistisches und ethisches Problem. Was mich aber mehr stört, ist, dass mittlerweile eine OE24-Diskussion geführt wird. Aber auch in den ersten Berichten des ORF wurden die beiden türkischstämmigen Österreicher, die sich toll verhalten haben und denen mein Respekt für den Mut in diesem Moment gilt, anfänglich verdächtigt, dass sie zu den Terroristen gehören.
Wenn die Polizei bittet, Videos nicht zu publizieren, hat es nichts mit der Zumutbarkeit der Bilder zu tun. Hier sollte man sich eher in den Dienst der Polizei und des Fahndungserfolgs stellen. Mir sind auch diverse Bilder und Videos zugespielt worden, mir liegt es aber fern, derartiges weiterzuschicken oder einfach so auf Social Media zu verbreiten.

Hans Stefan Hintner ist seit 23.10.2019 Abgeordneter zum Nationalrat und seit September 2003 Bürgermeister der Bezirkshauptstadt Mödling. Er hat gemeinsam mit Hanno Settele das Journalisten College absolviert.
Er war während seiner Ausbildung als Redakteur und später Chef vom Dienst der Zeitschrift “Solidarität” beim ÖGB und später auch als Pressesprecher der Fraktion Christlicher Gewerkschaft im ÖGB tätig.

 Bild: © Parlamentsdirektion _ PHOTO SIMONIS


Lies auch:

5 Rettungswägen aus dem Bezirk Mödling unterstützten die Wiener Rettung

Wien-Attentäter ein geborener Mödlinger?

Bundesheer organisiert Blaulichttreffen aus Sulzer Höhe 

Kommentar zum Artikel

mood_bad
  • Noch keine Kommentare.
  • Einen Kommentar hinzufügen

    Beitrag teilen

    Share on facebook
    Share on twitter
    Share on linkedin
    Share on xing
    Share on email

    Meistgelesen

    Finde hier:

    Zuletzt veröffentlicht

    Kommentar zum Artikel

    mood_bad
  • Noch keine Kommentare.
  • Einen Kommentar hinzufügen

    Beitrag teilen

    Share on facebook
    Share on twitter
    Share on linkedin
    Share on xing
    Share on email

    Gutscheine

    Hier findest du Gutscheine & Aktionen!

    Ausgsteckt is beim

    Events

    Bei uns erfährst du was los ist!

    Immobilien

    Hier findest du deine nächste Immobilie!

    Jobs

    Finde deinen nächsten Job!

    Firmen & Co

    Entdecke die Region!